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Stotter-Therapien aktivieren neue Hirn-Areale

16.02.200614:25 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Stotter-Therapien aktivieren neue Hirn-Areale
Der Diplom-Pädagoge und Lerntherapeut Rolf Hahn ist Leiter des Reutlinger Instituts für Stottertherapie. Fast vier Jahrzehnte lang war er selbst starker Stotterer. Er weiß, wie sich Betroffene fühlen.
Der Diplom-Pädagoge und Lerntherapeut Rolf Hahn ist Leiter des Reutlinger Instituts für Stottertherapie. Fast vier Jahrzehnte lang war er selbst starker Stotterer. Er weiß, wie sich Betroffene fühlen.

(openPR) Stottern beginnt im Gehirn: Das zeigen neue Forschungsergebnisse. Die Fehlfunktionen in den für das Sprechen zuständigen Arealen lassen sich – zumindest bei erwachsenen Stotterern – nicht mehr „reparieren“. Trotzdem sorgen seriöse Therapien auch langfristig für eine deutliche Verbesserung der Redefluss-Störung. Sie aktivieren ganz neue Regionen im Gehirn und bedürfen daher einer langen Phase konsequenten Übens.



Frankfurt/Reutlingen (eos) – „Ist der blöd? Warum kann der nicht richtig sprechen?“ - Nicht jeder sagt es, doch die rund 800.000 Stotterer in Deutschland spüren die Vorurteile, denen sie auch heute noch begegnen. Eine Belastung, die bei vielen in massiven psychischen Problemen mündet. „Dabei bescheinigen uns Untersuchungen der Sprachwissenschaftlerin Christine Weber-Fox und ihrer Kollegen von der Purdue University in den USA, dass wir sprachlich nicht weniger begabt sind und weder mit Grammatik noch mit dem Klang der Sprache Probleme haben“, berichtet Rolf Hahn (51), einst selbst starker Stotterer und inzwischen Leiter des Instituts für Stottertherapie in Reutlingen. Auch die lange Liste berühmter Stotterer, auf der neben Winston Churchill auch Isaac Newton und Bruce Willis stehen, zeugt für die Intelligenz der Menschen mit der eigenwilligen Artikulation.

Gleichwohl lokalisierten die Forscher den Unterschied zum normalen Sprecher im Gehirn. Bis vor Kurzem noch galt das Handicap als rein motorisches Problem. Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) machte eine „träge Zunge“ verantwortlich, die der Schnelligkeit der Gedanken nicht gewachsen sei. Diese Auffassung hielt sich lange Zeit und führte noch Mitte des 19. Jahrhunderts zu Zungenoperationen. Später kamen Mundprothesen und Zungenbeschwerer auf. Mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds änderte sich das Deutungsmuster: Jetzt galt das Stottern als Ausdruck tief sitzender psychischer Konflikte.

Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie gewähren inzwischen einen aufschlussreichen Blick ins menschliche Gehirn. Dort, so zeigen Forschungen von Dr. Katrin Neumann an der Universitätsklinik Frankfurt, weisen Stotterer in genau den Regionen Defizite auf, in denen Normalsprecher gehörte Sprache analysieren (Wernicke-Region) und den Sprechvorgang vorbereiten (Brocca-Areal). Beide Zentren befinden sich in der linken Hirnhälfte und sind normalerweise beim Sprechvorgang stark aktiv. Menschen mit Sprechablaufstörungen nutzen diese Regionen jedoch kaum. Statt dessen setzen sie das rechte frontale Operculum (kurz: RFO) ein, das sonst nur zur Erkennung grammatikalischer Fehler oder beim Ausfüllen von Textlücken aktiviert wird. Die Wissenschaftler vermuten, dass das Hirn damit die Defizite in der anderen Hirnhälfte zu kompensieren versucht. Bestätigt wird dies durch die Beobachtung, dass bei Probanden, die weniger stark stottern, das RFO besonders intensiv arbeitet.

Bei der Untersuchung von Patienten, die sich einer Therapie unterzogen hatten, zeigte sich: Die ursprünglichen Sprachzentren im Gehirn konnten nicht „repariert“ werden. „Für erwachsene Stotterer gilt: Keine Therapie kann ihr Problem vollständig beheben“, erklärt Neumann. „Eine Behandlung vor der Pubertät kann das Phänomen dagegen ganz zum Verschwinden bringen.“ Doch ihre Untersuchungsergebnisse bescheinigen auch Erwachsenen beachtliche Therapieerfolge. Während sie vorher bei durchschnittlich 12 Prozent der Silben stotterten, trat die Sprechstörung bei den untersuchten Patienten – auch drei Jahre nach der Therapie – nur noch bei rund vier Prozent der Silben auf. Ein hervorragendes Ergebnis, das nahe an der Unauffälligkeitsgrenze von drei Prozent liegt.

Interessanterweise stärken die Übungen nicht nur – wie man denken sollte – die Aktivität des RFO. Sie aktivieren gänzliche neue Zentren in der linken Hirnhälfte, die jeweils nahe an der Wernicke-Region und am Brocca-Areal liegen, und deren Fehlfunktionen noch deutlich effektiver auszugleichen vermögen als es der spontane Einsatz des RFO könnte.

„Der langfristige Erfolg einer Therapie hängt aber wesentlich vom kontinuierlichen Üben ab“, sagt Institutsleiter Hahn. „Wenn man bedenkt, dass das Gehirn ganz neue Wege beschreiten muss, ist das auch leicht nachzuvollziehen.“ Rund ein Jahr veranschlagt der Therapeut für diese Übungsphase, in der er seine Patienten zu beliebig vielen Auffrischungskursen einlädt. „Bequemere“ Therapie-Ansätze sorgten dagegen häufig nur für einen kurzfristigen Erfolg. Der unvermeidliche Rückschlag sei dann um so schwerer zu verkraften. Anschließend versuchten Betroffene oft frustriert, sich so gut es geht mit der Situation zu arrangieren und unterstützen sich in Selbsthilfegruppen gegenseitig. „Das ist auch wichtig, denn die psychische Komponente spielt bei Stotterern, die mit ihrer Redeflussstörung immer auffallen und gerade als Kinder häufig gehänselt wurden, eine große Rolle“, sagt Hahn, der seine Therapie daher zweigleisig aufbaut. Sie besteht aus technischen Übungen, die sich an den Methoden von Gesangs- und Schauspiellehrern anlehnen, und einer psychologischen Behandlung, mit der er tief sitzenden Sprechängsten und fest verwurzelten Vermeidungsreaktionen zu Leibe rückt.
Informationen unter: www.stottern-vermeiden.de oder Tel.: 07121/ 329 101

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